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Auf der Suche nach der verlorenen Würde

Was geschieht, wenn wir uns immer nach den Erwartungen anderer richten? Wir lassen uns zu Objekten machen, wir verlieren das Bewusstsein für unsere Würde. So würde es Gerald Hüther beschreiben, einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands. Er findet: Es gibt in unserer Gesellschaft sehr viele Menschen, denen genau das passiert. Und das sei kein Wunder.

„Schon in der Grundschule erleben sich Kinder als Objekte von Erwartungen und Bewertungen“, sagt Hüther. „Sie sollen einfach funktionieren“. Vom Chef werden wir später mit neuen Vorstellungen konfrontiert, wie wir uns zu verhalten haben. Die Werbung zeigt uns, was gerade schön, hip, begehrenswert ist, was wir angeblich alles brauchen. Der Konsum ist für viele Menschen zur Ersatzbefriedigung geworden – für Nähe, Gemeinschaft und einen würdevollen Umgang miteinander. Doch langsam wächst die Einsicht, dass es nicht so weitergehen kann. „Viele Menschen haben erkannt, dass das, was sie tagtäglich tun, nicht dazu beiträgt, gesund zu bleiben, glücklich zu werden und ihre Talente und Begabungen zu entfalten“, meint Hüther.

Die Würde ist für Hüther ein innerer Kompass, der jeden Menschen leitet. Wer von klein auf erfährt, dass er so geliebt und geachtet wird, wie er ist, entwickelt mit den Jahren ein Bewusstsein für diese Würde. Er lässt sich nicht so leicht von Werbeversprechen verführen, lässt sich nicht zum Objekt fremder (oder eigener) Ideale machen – auch wenn das manchmal Kraft kostet. Menschen, die sich ihrer Würde bewusst sind, würden zum Beispiel keine Produkte kaufen, für deren Herstellung andere Menschen ausgebeutet werden, glaubt der frühere Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen.

Es dürfte nicht überraschen, dass Unternehmer und Führungskräfte es aus seiner Sicht oft besonders schwer haben, ihre Würde zu wahren. „Für viele von ihnen wäre es günstig, sich heute zu fragen, was sie wirklich wollen“, rät Hüther. „Machen sie lieber jedes lukrative Geschäft - oder bewahren sie ihre Würde? Sprühen sie lieber Glyphosat auf ihre Felder, obwohl sie wissen, dass dann die Bienen sterben – oder bewahren sie ihre Würde?“

Was will ich wirklich, wer will ich sein? Diese Fragen will Gerald Hüther auch auf der ConSozial 2018 stellen. Mit seinem neuen Buch („Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“) will er zum Nachdenken anregen. In der Sozialwirtschaft ist das Thema Würde zwar sicher präsenter als in den meisten anderen Branchen. Aber auch hier gibt es ökonomische Zwänge und ethische Zwickmühlen.

Die gute Nachricht ist: Seine Würde verliert man nie endgültig. Das Bewusstsein dafür kann jederzeit wach werden – durch die Erfahrung etwa, dass einem etwas zugetraut wird. „Die eigene Würde erlebt man nur in Begegnung mit anderen Menschen“, erklärt Hüther.

Dass immer mehr Menschen sie tatsächlich (wieder) entdecken, hält er für eine der wichtigsten Ziele im 21. Jahrhundert. Denn sie beeinflusst letztlich, wie wir miteinander umgehen, mit der Natur, mit unseren Ressourcen. „Wenn wir unsere Würde verlieren, berauben wir uns unserer Lebensgrundlagen“, warnt Hüther. „Dann können wir nicht überleben auf diesem Planeten“.

Von Sarah Benecke

Erleben Sie den Plenumsvortrag von Prof. Dr. Gerald Hüther auf dem Kongress der ConSozial am Donnerstag, 08. November 2018 von 09:45-10:15 Uhr: "Was uns stark macht – Als Einzelne und als Gemeinschaft"

 

 

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