Aktuelle Neuigkeiten

Die Integration wird klappen - irgendwann

Am Telefon klingt Firas Alshater erstaunlich entspannt. Nur manchmal merkt man, wie seine Gedanken abschweifen – und das ist eigentlich kein Wunder. Der 26-Jährige ist bis Ende des Jahres ausgebucht, mit Lesungen, Reden, seinem Youtube-Kanal, der ihn berühmt gemacht hat, mit Moderationen und Workshops. Auf der ConSozial wird er sein Buch vorstellen: „Ich komm auf Deutschland zu“ - eine Autobiografie, mit 26 Jahren. Alshater ist angekommen, sprichwörtlich.

Vor drei Jahren, als er aus Syrien floh, war das nicht abzusehen. Dort hatte er gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad demonstriert. Er hatte mit seiner Kamera den Bürgerkrieg dokumentiert, in Aleppo gefilmt, in Homs und in Rakka, wo heute nur noch Trümmerwüsten sind. Er saß mehrmals in Haft, wurde gefoltert, hörte wie Menschen geprügelt und vergewaltigt wurden. Auch das beschreibt er in seinem Buch. Aber die grausamen Erlebnisse sollen nicht alles überlagern.

Der junge Mann mit dem Bart und dem freundlichen Gesicht ist einer, der lieber nach vorne blickt und die kleinen Hürden seines neuen Alltags beschreibt. Sein Motto: „Wenn ein Tag nicht mein Freund ist, dann ist er mein Lehrer“. Vor allem hat Alshater gelernt, dass man mit Humor viel erreichen kann. In seiner Youtube-Serie „Zukar“ (arabisch für Zucker) knöpft er sich regelmäßig die Vorurteile der Deutschen gegenüber Flüchtlingen vor. Und andersherum. Gleich die erste Folge mit dem Titel „Wer sind diese Deutschen?“ hat ihn berühmt gemacht. Darin steht er auf dem Berliner Alexanderplatz, neben sich ein Schild: „Ich bin ein syrischer Flüchtling. Ich vertraue dir. Vertraust du mir? Umarme mich!“. Lange kommt niemand, doch erst traut sich einer und dann immer mehr, am Ende rennen die Passanten auf ihn zu. Im Video sagt Firas Alshater, er habe gelernt: Die Deutschen brauchen länger – aber dann sind sie nicht zu stoppen. „Deswegen glaube ich, die Integration wird klappen. Irgendwann“.

Und noch etwas hat er gelernt. Fragt man ihn, warum er studiert, wo er sich doch vor Aufträgen nicht retten kann, antwortet er schelmisch: „Weil die Deutschen Papier lieben. Hast du kein Papier, bist du gar nichts hier“. Er ist bereit, sich anzupassen. Auch, wenn es ihm nicht immer leicht gemacht wird. Die Berliner Ausländerbehörde ließ ihn morgens um vier Uhr eine Nummer ziehen – und vergeblich warten. Die Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung (jetzt ist sie unbefristet) dauerte sechs Monate. Wie, fragt Alshater, solle ein Flüchtling sich integrieren, wenn er ständig zwischen Behörden und Sprachkursen feststecke? So komme er doch gar nicht mit Deutschen in Kontakt.

Das Wichtigste sind für den Syrer deswegen die Menschen, die einfach helfen wollen, von sich aus, ohne große Organisationen im Rücken, ohne Parteien, denen es im Wahlkampf nutzt. Von sich selbst sagt er, er akzeptiere andere so, wie sie sind – eine Grundhaltung der Inklusion. Nervig findet er nur eines: immer und überall nach seiner Vergangenheit in Syrien gefragt zu werden. Das sei nett gemeint, aber schlecht gemacht. „Wenn ich in einem Club bin, dann will ich tanzen – nicht über Krieg reden“.

 Von Sarah Benecke

Firas Alshater auf der ConSozial: 8. November 2017, 13:00-13:45 Uhr ConSozial Extra auf der Messebühne

 

 

Zurück

 

Diese Seite teilen