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Gleich vormerken: Die ConSozial 2021 findet am 10. und 11.11.2021 statt.

Aktuelle Neuigkeiten

Das menschliche Leben ist zwischenmenschlich

„Den Menschen im Blick“, lautet das Motto der diesjährigen ConSozial. Viele Menschen in der heutigen Zeit haben ein eher egozentrisches Weltbild – das heißt, sie schauen vor allem auf sich selbst. Ein Zustand, der zwangsläufig dazu führt, dass wir unsere Mitmenschen aus dem Blickfeld verlieren? „Keinesfalls“, meint Prof. Dr. Harald Welzer. „Das ist doch die Basis der menschlichen Lebensform. Menschen sind Beziehungswesen. Ob bewusst oder unbewusst hat man immer andere im Blick. Bei allem, was man tut, egal ob für oder gegen jemanden, hat man Menschen im Blick. Niemand handelt nur für sich“, erklärt der Gründer der Stiftung Futurzwei und Professor für Transformationsdesign. Dass die Menschen gegeneinander handeln, ist natürlich nicht die Utopie. Sondern „eine Welt, in der die Menschen freundlich miteinander umgehen“, wie Welzer auch in seinem aktuellen Buch Alles könnte anders sein beschreibt. Noch sei unsere Gesellschaft von diesem Idealzustand weit entfernt. Vielmehr gehöre die „Verrohung im zwischenmenschlichen Umgang“, eine „latente Aggressivität“ sowie die „Orientierung an Wettbewerb und gemessener Leistung“ mittlerweile fast zum Alltag.  

Empathie und Solidarität – analog statt digital

Damit ein Wertewandel hin zu mehr Empathie und Solidarität möglich ist, müsse die Gesellschaft wieder analoger werden, so Welzer. Eine Gesellschaft, wo Kommunikation nicht durch die sozialen Netzwerke gefiltert werde. „Das ist sehr wichtig. Ebenso wie eine andere Gestaltung der Städte und Gemeinden, mit mehr analogen Begegnungsstätten, als es heute der Fall ist.“ Zudem könne sich eine Abschaffung des Autos sowie ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr positiv auswirken. Nicht nur auf das biologische Klima, sondern auch das zwischenmenschliche: „Auto wird mitunter darum gefahren, weil die Leute allein darin sein wollen“, so Welzer. Häufig zeigten sie dabei auch ein aggressives Verhalten. Anders hingegen in der Öffentlichkeit: „Im öffentlichen Raum passiert etwas Anderes, als wenn Sie nur abgeschottet sind. Das Gleiche lässt sich auch bei einem weiteren Beispiel beobachten: Hass und Hetze geschieht in antisozialen Medien. Hier werden Menschen, die gar nicht physisch anwesend sind und sich nicht verteidigen können, aus der Anonymität heraus angegriffen.“

Digitalisierung mit zwei Gesichtern

Kommunikation macht einen wesentlichen Teil zwischenmenschlicher Beziehungen aus. „Was die Welt im Innersten zusammenhält, ist Kommunikation“, meint Welzer sogar und unterstreicht damit die große Bedeutung dieser interpersonellen Interaktion. Heutzutage findet sie zu einem großen Teil über digitale Medien statt. Eine Entwicklung, die der Soziologe als „eher fatal“ bezeichnet, „weil die Menschen dadurch unter Vollbeschäftigung sind, keine Zeit mehr haben, nachzudenken, zu überdenken und zu reflektieren. Sie sind pausenlos in einem Reaktionsfluss“. Dabei sieht Welzer auch positive Seiten der Digitalisierung, man müsse sie nur besser steuern: „etwa, um C02-Emissonen zu verringern. Anstatt immer von A nach B zu fahren, könnte man öfter die Möglichkeit nutzen, zu skypen. Es müsste eine gesellschaftliche Norm geben, was den Umgang mit Smartphones betrifft. Aber die gibt es (noch) nicht.“

Solidarität als Kulturfrage

Ob sich Individuen solidarisch verhalten oder nicht, sei stark vom kulturellen Rahmen abhängig. „Es kommt also darauf an, ob unsere Gesellschaft eher individualistisch geprägt ist, ob sie auf Konkurrenz gebaut ist, oder ob im Mittelpunkt steht, dass es durch das eigene Verhalten allen möglichst gut geht,“ erklärt Welzer, der während des Gesprächs über einen Berliner Friedhof spaziert. Namhafte Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Hildegard Knef haben hier ihre irdische Ruhestätte gefunden. Und auch eine Reihe von Diakonissinnen, an deren Gräbern Welzer gerade vorbeiläuft. „Hier, da gibt es zum Beispiel eine Lydia, 1903 geboren und 2001 gestorben. Und noch andere, die auch so alt geworden sind.“ Welzer nennt einige weitere Namen, alle von ihnen blicken auf eine Lebensdauer zwischen 90 und 100 Jahren zurück. Dieses hohe Alter, meint er, sei nicht unbedingt nur auf gute Gene zurückzuführen: „Das Alter hat auch damit etwas zu tun, wie sie mit der Welt im Einklang sind, mit der Gemeinschaft. Die Lebensweise, das Gefühl, aufgehoben zu sein in einem gut funktionierenden sozialen Umfeld, kann sich positiv auf die Gesundheit auswirken.“

Geht es nach Welzer, stehen die Chancen diesbezüglich momentan gar nicht so schlecht: „Die Konventionen des menschlichen Umgangs sind freundlicher, als es noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war.“ Ohnehin spricht sich der Sozialpsychologe für eine positivere Sicht bezüglich unserer Situation und eine optimistischere Herangehensweise für bevorstehende Herausforderungen aus. Denn wir haben die Zukunft mehr in der Hand, als wir vielleicht manchmal denken.

VON LENA HÄUSLER

Das Interview wurde geführt am 04. März 2020.

 

 

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