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„Es besteht das Risiko eines Klimas der sozialen Kälte“

KITA-Expertin im Interview

Risiken sozialer Kälte abfedern: Kinder in Lebensaktivitäten achtsam begleiten

Essen und Trinken, Ruhen und Schlafen, der Gang zur Toilette – all das sind typische Aktivitäten, wie sie im Alltag von Kitas vorkommen. Natürliche Lebensaktivitäten, bei denen die Kinder zuweilen noch Unterstützung und Begleitung benötigen. Eine Begleitung, die zugleich eine gewisse Verantwortung für die Fachkräfte mit sich bringt: „Die Herausforderung liegt darin, eine auf das Kind oder die Kindergruppe bezogene Beantwortungspädagogik umzusetzen. Das Stichwort lautet hierbei Responsivität. Das heißt, die Bereitschaft, auf die Interaktions- und Kommunikationssignale des Kindes oder der Kindergruppe einzugehen“, meint Prof. Dr. Dorothee Gutknecht, die als Professorin für den B.A.-Studiengang Pädagogik der Kindheit an der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig ist.

Beim Füttern von Kleinkindern stelle sich dazu etwa die Frage, ob das Füttertempo angemessen ist. Als Übergriff werde es gewertet, wenn Kinder in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt werden, wie bei der so genannten „Lätzchenfixierung“ (das umgebundene Lätzchen liegt auf dem Tisch auf, der Teller ist darauf abgestellt). „Ein solches Vorgehen ist grenzverletzend und übergriffig. Doch um zu wissen, wie man das Kind überhaupt am besten beim Essen begleitet, braucht es auch das entsprechende Fachwissen“, gibt Gutknecht zu bedenken.

Empathischer Stress als Ursache

Der Grat zwischen der (Entscheidungs-)Macht, die die Fachkraft bei der Begleitung des Kindes in den Lebensaktivitäten innehat und einem Machtmissbrauch ist in der Praxis oftmals schmal. Gutknecht betont: „Häufig ist es der sogenannte ,empathische Stress‘, der dazu führt, dass sich die Fachkräfte nicht mehr in der Lage fühlen, entsprechend auf die Bedürfnisse der Kinder zu reagieren.“ Empathischer Stress, so Gutknecht, entstehe dann, wenn die Fachkräfte in Überforderungssituationen – zum Beispiel durch Personalmangel – negative Emotionen bei Kindern erleben wie lautes Weinen und Schreien. „Darauf wiederum reagieren manche mit innerlicher Distanzierung. Sie sind dann nicht mehr weich, flexibel, freundlich und humorvoll. Sich zuzuwenden kostet dann sehr viel Kraft. Es besteht das Risiko eines Klimas der sozialen Kälte.“ Schlimmstenfalls könne das sogar Auswirkungen auf das spätere Sozialverhalten von Kindern haben, warnt Gutknecht.

Stresssituationen analysieren

Um den Stress zu reduzieren, gebe es verschiedene Aspekte, an denen Fachkräfte selbst ansetzen können. Als Beispiel nennt Gutknecht eine durchdachte Gestaltung der Pädagogik in allen Lebensaktivitäten, insbesondere, was die Tagesübergänge betrifft. Eine bedeutende Rolle spielen zudem angemessene Rahmenbedingungen: „In vielen Kitas geben Fachkräfte in unbequemen Körperpositionen ihre Assistenz bei den Lebensaktivitäten. Für die Gesundheit der Fachkräfte ist unbedingt eine angemessene Ausstattung erforderlich. Und nicht zuletzt ist auch ein passender Personalschlüssel unabdingbar “, appelliert Gutknecht.

VON LENA HÄUSLER

Prof. Dr. Dorothee Gutknecht, Professorin an der Evangelischen Hochschule Freiburg im B.A.-Studiengang Pädagogik der Kindheit. Arbeitsschwerpunkte: Responsivität pädagogischer Fachkräfte, Sprache und Inklusion

ConSozial in den BSN 2019Diesen Text und weitere interessante Experteninterviews rund um die ConSozial finden Sie übrigens in der druckfrischen Ausgabe der Bayerischen Sozialnachrichten, Fachzeitung der Landesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege in Bayern. Jetzt Abonnent werden und immer gut informiert sein.

 

„KITA SPEZIAL" mit Prof. Dr. Dorothee Gutknecht zum Auftakt des KITA-Kongresses der ConSozial 2019: Zwischen Verantwortung und Macht im pädagogischen Alltag: Die Begleitung von Kindern in den Lebensaktivitäten
Am 06.11.2019 (Mittwoch) von 11:30 – 12:15 Uhr
 

Zu den Tickets für den KITA-Kongress der ConSozial am 06. und 07. November 2019

 

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