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Grenzgänger und das Ping-Pong-Spiel der Hilfssysteme

Prof. Dr. Menno Baumann hat die Regisseurin über vier Jahre von der fachlichen Seite aus bei ihren Recherchen begleitet und mit ihr über die Ergebnisse reflektiert. Um nicht zu sehr ins Klischee zu verfallen, liege das Alter der Protagonistin deutlich unter dem typischen Durchschnittsalter der sogenannten „Systemsprenger“, das in der Regel bei über 13 Jahren liegt. Der Leiter des Masterstudienganges Intensivpädagogik an der Flieder Fachhochschule in Düsseldorf, der zugleich als Bereichsleiter beim Jugendhilfeträger Leinerstift e.V. sowie als Gutachter für Gerichte tätig ist, erklärt die Misere genauer: „Die Hilfssysteme in Deutschland sind zwar grundsätzlich effektiv, aber diese Jugendlichen haben auch einen sehr hohen Unterstützungsbedarf.“ Hinzu komme, dass Studien zufolge ca. 20.000 Betroffene gar keinen Kontakt zu Systemen, wie beispielsweise der Schule, haben: „Diese kleine Gruppe von Jugendlichen ist sozusagen einfach ,verschwunden‘, die kriegen Sie nicht zu packen.“

Betroffene auffangen

Von grundlegender Bedeutung ist es, die Jugendlichen nicht selbst als Problem zu betrachten: „Das Problem entsteht erst im Kontakt mit anderen Menschen. Es macht sich dann bemerkbar, wenn jemand ein Verhalten zeigt, dass in der Kommunikation und Interaktion mit anderen schwierig ist,“ so Baumann und ergänzt: „Daher spreche ich auch nicht von einer Verhaltensstörung, sondern von störenden Verhaltensweisen.“ Insbesondere die institutionelle Seite stößt mit den „Systemsprengern“ schnell an ihre Grenzen. Nicht zuletzt ein Grund, warum Baumann die heterogene Gruppe zuweilen auch als „Grenzgänger“ bezeichnet. „Das System will Effizienz, ist zielorientiert – und formuliert diese Ziele in Regeln. Wenn wiederum diese normierten Ziele, wie etwa der Schulbesuch oder ein Gewaltverzicht, nicht anwendbar scheinen, kommt es zu einem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, zu einer gefühlten Handlungsunfähigkeit.“ Dies hat zur Folge, dass eine Art Ping-Pong-Spiel zwischen den Systemen entsteht: „Grob gesagt, ganz frei nach dem Motto: Keiner will die heiße Kartoffel haben. Auf diese Weise entwickelt sich eine gewisse Eigendynamik und die betroffene Person fällt durch alle Raster.“

Um Wege zu schaffen, diese Zielgruppe dennoch aufzufangen, sei zunächst eine genaue Analyse erforderlich – und zwar sowohl der Biografie der Betroffenen als auch der Systembedingungen, die ein solches Ping-Pong-Spiel ermöglichen, appelliert Baumann. Als einen weiteren Punkt nennt er eine angemessene Mitarbeiterunterstützung: „Der oftmals durchaus sehr anstrengende und schwierige Umgang mit den Jugendlichen erfordert eine Supervision, eine verlässliche Betreuung – und keine chronischen Überstunden. Es ist einfach wichtig, die richtigen Strukturbedingungen zu schaffen.“ Bei der Ermittlung von Hilfsbedarfen sei es zudem sinnvoll, sich die Frage nach der Eingangsqualität zu stellen, diejenigen zu identifizieren, bei denen es nicht funktioniert hat, und diese dann herauszufiltern, um ein rechtzeitiges Eingreifen zu ermöglichen.

Auf politischer Ebene plädiert Baumann für eine gemeinsame Finanzierungsbasis: „Egal wo das Geld herkommt, den Jugendlichen muss geholfen werden. Zudem sollte es eine Möglichkeit dafür geben, dass die pädagogischen Systeme weiterarbeiten können, auch wenn sie zunächst erfolglos scheinen.“ Ebenso am verfügbaren Betreuungsangebot fehle es derzeit. Ein Mangel, der regional sehr stark variiere, wie Baumann bemerkt. Nicht zuletzt bedürfe es auch mehr Personal.

Einfühlungsvermögen und Verständnis

Für die „Grenzgänger“ selbst ist vonseiten der Helfer ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Verständnis gefordert, denn: „Warum sich ein Mensch so entwickelt hat, das ist nicht über die bloße Definition einer Krankheit zu ermitteln, dazu ist ein verstehender Zugang notwendig“, gibt Baumann zu bedenken. Verstehen sollte man auch die kindliche Eigenlogik, die nicht im Einklang zu den vom System erhobenen Regeln steht. Was genau sich unter kindlicher Eigenlogik vorzustellen ist, veranschaulicht Prof. Dr. Baumann anhand eines Beispiels: „Wenn ein Jugendlicher beziehungsweise ein Kind schon früh für etwas oder jemanden sorgen muss, wenn es in der Familie beispielsweise ein krankes oder depressives Elternteil hat, es ein Geschwisterkind betreuen und in den Kindergarten bringen muss – dann ist das für das Kind wichtiger als in die Schule zu gehen.“ Eine besonders schwierige Situation sei es auch, wenn die Kinder – sei es aus pädagogischen oder aufgrund einer Gefährdung bestehenden Gründen – von ihren Eltern getrennt werden: „Oftmals kommt es vor, dass die Kinder in den Widerstand gehen, sie wollen nicht von ihren Eltern getrennt werden, haben vielleicht das Gefühl, die Helfer*innen mögen ihre Eltern nicht. Selbst wenn es ihm in der Unterkunft möglicherweise auch gefällt, möchte es das nicht zeigen, alles andere käme für das Kind einem Verrat an den Eltern gleich“, erklärt Baumann. Das System wiederum erwarte Dankbarkeit, das Kind solle ankommen und direkt glücklich sein, zeigen, dass es ihm gut geht. Dabei nimmt es aber den Konflikt von Zuhause mitsamt den Sorgen, die es bedrücken mit und hat zudem nicht selten Schwierigkeiten damit, Hilfe anzunehmen. „Daher ist es für die Helfer wichtig, mit einer Haltung gegenüberzutreten, die für das Kind nicht bedrohlich ist. Dabei sollte immer die Frage im Zentrum stehen – was braucht der Betroffene jetzt?“

Als Leiter des Studiengangs Intensivpädagogik weist Prof. Dr. Baumann zudem auf eine weitere bedeutsame Anforderung hin: „Intensivpädagogische Betreuung – das ist die Bereitschaft zur Individualität. Eine intensivpädagogische Betreuung muss nicht zwingend auch zugleich zeitintensiv sein. Es geht dabei um das Kämpfen um den Kontakt mit einem Menschen in einer existenziellen Krise. Ein Streetworker, der sich zweimal in der Woche mit dem Betroffenen auf der Straße trifft und versucht mit ihm zu reden, einen Zugang zu ihm zu bekommen – das ist für mich ebenso Intensivpädagogik.“

Wie die Hilfsangebote in der Praxis schließlich konkret aussehen, ist sehr unterschiedlich und hängt auch sehr stark von den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe ab: „So gibt es beispielsweise Angebote, die sich um das Thema Bildung drehen, eine schulische Betreuung in etwa. Oder auch die Erlebnispädagogik – da gibt es unter anderem Projekte mit Booten, tiergestützte Therapien sowie weitere Angebote in ländlicher Umgebung.“

Eines haben sie jedoch alle gemein: „Im Fokus steht immer das Verbindende, die gemeinsame Tätigkeit, das Ziel, zusammen Spaß zu haben.“

VON LENA HÄUSLER

Fachvortrag im Kongress 06.11.2019 (Mittwoch) von 16:30 – 17:30 Uhr: Grenzgänger: Die durch alle Raster fallen

Prof. Dr. Menno Baumann, Sachverständiger für pädagogisch-psychologische Fragestellungen des Familienrechts, Gutachter, Professor für Intensivpädagogik Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf

 

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