Aktuelle Neuigkeiten

Land des Establishments

Was passiert, wenn die Politik die Jugend nicht mitspielen lässt

Welzer glaubt nicht an die Mär der Politikverdrossenheit der Jugend. „Jugendliche sind politisch, sehr sogar!“, sagt er. Und verweist auf den Konflikt im Vorfeld der GroKo als sich die Jusos gegen den SPD-Parteivorsitz auflehnten, weil sie die eigenen Themen nicht ausreichend im Koalitionsvertrag repräsentiert sahen. Auch die große Beteiligung an Demos gegen Rechts, im jüngsten Fall, in Berlin, gegen die AfD, sind für den Professor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg ein Beweis dafür, dass die Jugend sehr wohl beobachtet, was in der Demokratie passiert.

Die jüngste Shell-Jugendstudie gibt ihm Recht. Dort wird den jungen Menschen ein enormes Politikinteresse bescheinigt - es zeigt sich nur anders. „Sie sind bei Greenpeace, den Pfadfindern oder engagieren sich in der Umweltinitiative Transition Town, aber nicht bei der SPD oder den Grünen“, erläutert Welzer. Parteien, Medien und ein Großteil der Gesellschaft verkörperten gänzlich andere Inhalte als sie die Jugendlichen dringend benötigen, um sich ernst genommen zu fühlen.

Welzer vermisst einen gesellschaftlichen Rahmen, der das große Umweltbewusstsein der jüngeren Generation sowie ihre Bereitschaft zur politischen Veränderung und ihr weitreichendes Wissen im Bereich der Digitalisierung anerkennt und nutzt.

Das Bashing der Jugendlichen müsse endlich aufhören, zugunsten neuer Konzepte der politischen Bildung, fordert der Wissenschaftler.

Wichtig dabei sei die richtige Ansprache. Mit Doppelmoral und dem moralischen Zeigefinger erreiche man die unter 30-Jährigen nicht. Vielmehr verlangten die jungen Menschen nach Geschichten des Gelingens – Geschichten über die Möglichkeiten eines besseren, gerechteren, qualitätsvolleren Lebens, das nicht die einen auf Kosten der anderen führen.

Deshalb hat Welzer die Stiftung FuturZwei mitbegründet, der er als Direktor vorsteht. FuturZwei stellt eine Auswahl von Akteuren der Zukunftsfähigkeit vor, Pioniere, wie die Urban-Gardener oder die Erfinder der Unverpackt-Supermärkte, die andere Formen des Lebens und Wirtschaftens ausprobieren und vorleben. Darunter nachhaltig wirtschaftende Unternehmer, freigeistige Schulleitungen, studentische Start-ups, Bürgerinitiativen oder mutige Bürgerinnen und Bürger, die zeigen, dass man sich nur trauen muss, das Unerwartete zu tun.

Leute eben, die schon mal anfangen, während die Politik noch redet. Denn politische Bildung muss laut Welzer in erster Linie praktische Wirksamkeit vermitteln - sonst findet sie ohne einen wertvollen Teil der Gesellschaft statt, der sich dann allein auf den Weg in die Zukunft macht.

VON MICHAELA ZIMMERMANN

Fachvortrag im Kongress am 08.11.2018 (Donnerstag) von 13:00 - 14:00 Uhr: "Selbst denken - eine Alternative für Jugendliche - und besonders für Erwachsene"

Prof. Dr. Harald Welzer, Soziologe und Sozialpsychologe, Mitbegründer und Direktor von „Futur Zwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit“, Professor für Transformationsdesign und -vermittlung an der Universität Flensburg, Potsdam

 

Zurück

 

Diese Seite teilen