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Selbstbestimmt in die Abstinenz

Der Community Reinforcement Approach fördert die Motivation durch sinnstiftende Lebensziele

Dr. Reker ist derzeit einer der bekanntesten Vertreter des in den USA entwickelten Therapieansatzes. Inwiefern Abstinenz das Mittel zum Zweck sein kann, veranschaulicht er anhand von folgendem Beispiel: „Nehmen wir etwa einen Menschen, der alkoholabhängig ist. In der Regel würde der Arbeitgeber diesem nahelegen, sich eine Auszeit zu nehmen – und erst, wenn er wieder stabil ist, zurück zur Arbeit zu kommen.“ Eigentlich aber solle es genau anders herum sein. Die Arbeit könne nämlich auch als eine Art Therapie dienen. Die suchtkranke Person ist beschäftigt, fühlt sich gebraucht – und merkt mit der Zeit, dass sie auf den Alkohol verzichten muss, um ihren Aufgaben gerecht zu werden.

Wie auch bei klassischen Behandlungskonzepten steht die Kommunikation im Vordergrund. Anders als bei diesen jedoch gehe es hierbei nicht darum, die Betroffenen zu verbessern oder zu verändern und mit ihnen stur die Erkenntnis zu erarbeiten, dass der Suchtmittelkonsum schädlich ist. Stattdessen sei es die zentrale Aufgabe, sinnstiftende Lebensziele zu finden, durch die es sich für die Betroffenen lohnt, mit der Sucht aufzuhören. „Fast immer liegen diese motivationsfördernden Mittel im sozialen Umfeld der Menschen“, erklärt Dr. Reker. Um sie herauszufinden, müsse man aber auch in die Lebens- und Alltagswelt der Leute hineinschauen und das Umfeld aktiv miteinbeziehen.

Doch warum sind diese Ziele so wichtig? „Das Suchtmittel nicht zu konsumieren, kommt einem Verzicht gleich“, meint Reker und weist dabei sowohl auf körperliche Beschwerden, die dadurch deutlicher hervortreten können, als auch auf ein mögliches Gefühl der Einsamkeit hin: „Viele Betroffene trinken schließlich nicht alleine, sondern in Gesellschaft – und ebendiese „Trinkkumpanen“ fallen nun weg.“ Dafür bräuchten die Patient*innen etwas anderes, was das Leben ohne Suchtmittel lohnend macht. Und um ihr individuelles Ziel zu erreichen, ist die Abstinenz schließlich das Mittel zum Zweck.

Entscheidungsfreiheit akzeptieren

Entscheidungsfreiheit steht bei dem Community Reinforcement Approach an erster Stelle: „Veraltete Ansätze haben Suchterkrankungen gleichzeitig immer auch als eine Willenserkrankung angesehen und sind davon ausgegangen, die Betroffenen bräuchten Struktur und Orientierung“, so Dr. Reker. „Dies hatte zur Folge, dass die Fachleute – in der Annahme, sie wüssten schon, was gut ist für die Patient*innen und was nicht – die Dauer, die Inhalte und ohnehin den gesamten Ablauf der Therapie bestimmt haben.“ Der Community Reinforcement Approach hingegen sieht es vor, die Patient*innen von Anfang an miteinzubeziehen. „Das beinhaltet auch die Entscheidung, ob sie überhaupt eine Therapie machen möchten“, gibt Reker zu bedenken. Nicht zuletzt auch das soziale Umfeld ist dabei gefragt: Es müsse lernen, die Autonomie einer von einer Sucht betroffenen Person zu respektieren, ohne dieser dabei die Solidarität zu entziehen. Letztendlich profitieren nicht nur die Betroffenen von einer erfolgreichen Therapie, sondern auch die  Gesellschaft: „Während eines durch den Suchtmittelkonsum ausgelösten Rausches gelingt es den Patient*innen meist nicht, soziale Spielregeln einzuhalten“, beschreibt Dr. Reker eine bestehende Problematik, die sich durch alle Lebensfelder hindurchziehen könne. „Wenn sich die Betroffenen von ihrer Sucht lösen, dann werden sie auch wieder zu einem hilfreichen Gemeinschaftsmitglied“.

Ohne die Angehörigen zu Co-Therapeut*innen machen zu wollen, hält Reker ihre Unterstützung für besonders wichtig. Indem sie helfen, Risikosituationen zu vermeiden und auch nach Ablauf der Therapie immer aufmerksam bleiben. Denn anders als bei Knochenbrüchen sind die Betroffenen nach der Behandlung nicht automatisch dauerhaft geheilt. Ein Rückfall in das alte Muster ist immer wieder möglich: „Das liegt einfach im Wesen der Suchterkrankung“, merkt Dr. Reker an. Ein denkbarer Anlass sei beispielsweise der Verlust des sinnstiftenden Ziels, für das die Betroffenen so hart gekämpft haben. In vielen Fällen ist das eine Partnerschaft: „Partner*innen beeinflussen die Betroffenen oftmals am meisten und sind nicht selten Auslöser von Rückfällen. Gleichzeitig ist eine Partnerschaft aber auch eine der wichtigsten Stabilitätsfaktoren, die es gibt“, so Reker.

In der Praxis kann es zuweilen durchaus zu sogenannten Intervallbehandlungen kommen. Das heißt, es gibt immer wieder Phasen, in denen Betroffene keine Hilfe in Anspruch nehmen, dabei jedoch das Wissen im Hinterkopf haben, wo sie diese bekommen können. „Nicht zuletzt für solche Fälle ist eine kommunale Vernetzung wichtig, damit im Ernstfall schnell geholfen werden kann“, appelliert Dr. Reker.

VON LENA HÄUSLER

Fachvortrag im Kongress am 06.11.2019 (Mittwoch) von 14:00 - 15:00 Uhr: Abhängig und dennoch selbstbestimmt – Wege aus der Sucht finden

Dr. med. Martin Reker, Medizinstudium in Köln, Ltd. Arzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel, Bielefeld

 

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